Mittwoch, 8. Oktober 2014

Die Sache mit dem Glück

Vor einem knappen Jahr fing ein Online Projekt in Blogs und auf Instagram, Pinterest, Twitter und Facebook an, das nannte sich 100 Happy Days.

Als ich die ersten Posts damit entdeckte, war ich sehr angetan von der Idee, 100 Tage lang in meinem Alltag mindestens einen Glücksmoment zu finden.

Ich dachte, es könnte mir helfen, Zweifel, Unsicherheit, Frust und Zukunftsängste abzubauen, die mich in Wellen immer wieder, aber zu dem Zeitpunkt mit voller Wucht niederstreckten und anfingen psychosomatisch in bedenklichem Ausmaß zu agieren.



Dass 100 Happy Days sehr viel mehr auslösen würde, konnte niemand ahnen...

Als ich 2012 eine Blogpause machte (ohne die Absicht, sie 2 Jahre währen zu lassen), als ich aufhörte neben meiner Arbeit nach Aufträgen zu nähen und den Dawanda-Laden schloss, atmete ich tief durch. Eine Sache weniger.


Blieb nur noch mein unsteter und zerpflückter Brotjob. Davor, dazwischen, parallel: Kinder, Haushalt, Garten, soziales Leben, Trennung, Fernbeziehung.


Mir fielen in dieser Zeit zwei Bücher in die Hände, die mir viel erklärten:




das zweite, mit Gabor Maté als Co-Autoren, las ich durchweg heulend: 








In Buch Eins erklärt Maté die biologischen Mechanismen, die aktiviert werden, wenn Stress und Trauma einen starken und spürbaren Einfluss auf den Körper ausüben. Er veranschaulicht seine Ideen mit Interviews von berühmten Menschen, die chronische Krankheit erlebt haben (Ronald Reagan, Gilda Radner, Stephen Hawking, Pamela Wallin), mit durch seine jahrelange Praxis gesammelte Lebensgeschichten durchsetzt.

Stress, emotionale Unterdrückung, Hormone, die "Krebspersönlichkeit", die Biologie von Beziehungen und die Kraft des negativen Denkens sind die Hauptthemen des Buches.
Maté betont, dass die verborgenen Faktoren in der chronischen Krankheit zu entschlüsseln nicht bedeuten kann, das Opfer zu beschuldigen.
Das Buch ist frei von Annahmen, dass alle Krankheiten von einem Egoproblem herrühren. Vielmehr bietet er die Möglichkeit, die ungewollte Übertragung von Stress und Angst auf den Körper und über die Generationen hinweg anzugehen. Das hat mich interessiert.

Buch Zwei half mir ungemein, die mit dem Getrennt-Sein von meinen Kindern traurigste Zeit meines Lebens zu überstehen.
Schon zuvor war ich über Jahre hinweg als Mutter nicht derart präsent, wie es den Kindern gutgetan hätte.
Ich fühlte mich gezwungen, in dem gewählten Beruf Fuß zu fassen, den entscheidenden Karrieresprung nicht zu verpassen, über alle Maßen flexibel und stets abrufbar zu sein. 
Meine Kinder wurden nicht mehr nur von mir erzogen, sie suchten Orientierung und Verstandensein bei dem, was sie tagtäglich um sich hatten: Gleichaltrige. Und das war nicht immer nur gut.
Es ist noch nicht zu spät, an tieferer Bindung zu arbeiten. Diese ganz einfache Technik wird in dem Buch erklärt und hat mich aus einem ganz tiefen Versagens-Loch gezogen!

Ein ganzes Jahr brauchte ich dennoch, um zu erkennen und daran zu glauben, daß Glück sich tatsächlich anders anfühlt als ich mir viele Jahre lang vorgegaukelt hatte und man Un-Glück nicht weglächeln oder überpinseln kann. Und daß ich mein Glück in Randberlin nie fand und auch nicht mehr finden würde.



Ich ließ alles los und zog weg.


Begleitet von noch sehr viel mehr Zweifeln, Tränen, Unsicherheit, Ängsten, schlaflosen Nächten, Trauer und Wut. Aber endlich in einer Beziehung mit einer tragfähigen und belastbaren Basis und einem so großen Herzen, dem Verbindlichkeit und tiefes Vertrauen innewohnt.

Diese Sache mit den 100 Happy Days war prima, dachte ich.
So könnte ich es wieder lernen, das Glück der kleinen Dinge.
Es hatte nur einen Haken: es wurde zum täglich verpflichtenden Projekt, was mich unter Druck setzte.

Nach relativ kurzer Zeit verlor ich die Lust daran und hörte auf.

Was blieb, war die Frage, was mich glücklich macht. Und die ließ mich nicht mehr los.
Die unglückliche Ehe war beendet, der Brotjob bringt (etwas) Geld, macht aber nicht mehr glücklich, die Kinder so weit weg.

Ich fing an Listen zu schreiben.

Handschriftliche Listen, die mir schon oft halfen, den Kopf zu sortieren.
Es sollten viele beschriebene Zettel und Seiten werden...



Diese Listen und meine Schlussfolgerungen daraus besprach ich mit meinen besten Freunden:

Was will ich? Womit finde ich ein ganz normales rhythmisches Leben? Wie kann ich noch 25 Jahre glücklich arbeiten?

- geregelte familienfreundliche Arbeitszeiten
- keine Reisen
- Musik
- Pädagogik
- Kinder
- Nachhaltigkeit
- kein neues Studium

Eine Freundin erzählte mir etwas von "Berufsbegleitender Ausbildung" und ich fing an zu recherchieren. Das Netz spuckte im Zusammenhang mit berufsbegleitend immer wieder "Erzieher" aus und ich fing an darüber nachzudenken und mich zu informieren.

Erzieherin?! Ach...

Im Oktober nun hospitiere ich in Kindergärten, meine Geschichte mit Vorbildung ("Sie sind Sängerin??") traf in den Schulen und Entscheidungsstellen auf sehr offene Ohren, im Sommer beginnt die Ausbildung.
Ich beende das ewige Reisen, das ermüdende Kämpfen, die frustrierenden Abhängigkeiten und überlasse das Schlachtfeld anderen.

Als meine Entscheidung fiel, war das einzige Gefühl, was ich tief und rein empfinden konnte: Glück.
Als kurze Zeit später feststand, daß die Kinder zu mir ziehen dürfen, empfand ich: Glück.

Alles andere fügt sich gerade in diesen Tagen und könnte das Glück sehr bald perfekt machen. Viele Steine liegen da noch, aber die sind mit immer mehr innerem Frieden und äußerem Zusammenhalt der wichtigsten Menschen meines Lebens keine angstmachenden Ungetüme mehr.











Kommentare:

  1. als stille Leserin kennst Du mich nicht, aber ich habe schon vor der Blogpause mitgelesen :-)
    Du darfst stolz sein auf Deinen Mut, Dich beruflich zu verändern! Das schafft nicht jeder, auch wenn viele den Wunsch hegen! Bleib dran!
    LG von Martina

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    1. Danke, Martina! Ich bleibe dran und bin gewiss, daß alles gut wird. Ich freue mich, daß Du mich damals und heute liest. :)

      Liebe Grüße!

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  2. Liebe Sewbeedoo,
    ich möchte mich bei dir für deine so offenen und persöhnlichen Gedanken und Eindrücke bedanken! Du beschreibst wunderbar deine Reise zu den wirklich wichtigen und 'nachhaltigen' Dinge des Lebens. Wie schön, dass du nun Glück empfinden kannst und davon wünsche ich dir noch viel mehr!
    Thank you God!
    Liebe Grüße, Martina

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    1. Vielen Dank, Martina. Es bedeutet mir viel, so wunderbare Leser zu haben. Ihr wart es, die ich in der langen Pause sehr vermisst habe. Nun bin ich wieder da und wir reisen gemeinsam weiter. Danke für Deine Worte und Wünsche.

      Liebe Grüße!!! :)

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  3. danke für das mitteilen. und ich wünsche dir noch ganz viel glück für dich und dein leben !!!
    lg von der numi

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  4. War sehr schön, Dich, die Jungs und die neue Liebe zu sehen. Dieses Glück hast du mehr als verdient! Ich freu mich für Dich!!!

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  5. Danke, dass Du das mit uns teilst. Ja, so ähnlich geht es mir auch gerade. Ich versuche, meinen Weg zu finden und mit dem Leben zu stellen und nicht ständig irgendwohin zu flüchten.
    Ich hoffe, bei Dir geht es weiter in Richtung Ziel ... auf einer ziemlich geraden Linie. LG, Simone

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    1. Danke Dir! Ja, ehe sich das alles ebnet, kann oft viel Zeit vergehen, ne? Aber ich lernte und lerne und habe tiefes Vertrauen in die Zukunft. Das alles hat mir viel abverlangt, aber mich auch sehr stark gemacht, Dinge anzupacken, statt um sie herumzulaufen.

      Ich wünsche Dir Kraft und Zuversicht für DEINEN Weg!!
      Wir lesen uns! :)

      Lieber Gruß!!

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  6. Wow, was für ein toller Post!!!
    Wollte gestern schon schreiben, aber einhändig am Ipad ist Kommentare schreiben eine Katastrophe...
    Erstmal danke für die beiden Buchempfehlungen, beide finde ich sehr interessant, die besorge ich mir.
    Hut ab vor der großen Entscheidung, deine Jobs an den Nagel zu hängen, was für ein Umbruch! Ich kann es so gut verstehen, endlich mal zu Hause sein, die Kinder um sich haben, ich könnte nicht ohne... Aber die Singerei in der Form aufzugeben, ist ein großes Opfer, oder?
    Ich wünsche Dir, daß sich das alles so entwickelt, wie Du es erhoffst!! Wenn man so ehrlich und offen rangeht, kann es ja nur gut werden! Bin gespannt, weiter von Dir und Euch zu hören!
    Ganz liebe Grüße von Katharina

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    1. Danke, Katharina.
      Ja, es ist ein tiefer Schnitt, wenn man einmal so alles zusammenfasst. Ich sehe es nicht als Opfer, eher als große Befreiung. Ganz ehrlich. Singen werde ich weiterhin. Aber nicht mehr in dieser unsäglichen Abhängigkeit, sondern weil ich es möchte und nicht weil ich muss. Das macht inzwischen einen wirklich eklatanten Unterschied.

      In all den schönen Jahren sind zwischen mir und manchen Kollegen tiefe Freundschaften gewachsen.
      Die bestehen und wachsen ganz wunderbar privat weiter.

      Es gibt noch viel abzuhaken bis zum nächsten Sommer und darüber hinaus, aber ich bin damit nicht allein, sondern werde von einem so starken und lebenslang gewachsenen Sozialgefüge aus Freunden und Familie getragen und habe eine so schützende Hand über mir, daß ich keine Angst habe.

      Wir hören und sehen uns! :)
      Seid umarmt!

      Sandra

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  7. Danke für diesen Post! Ich bin gerade dabei nicht mehr soviel im Netz rumzuhängen das ich den tatsächlich erst jetzt finde.
    Ich wünsche Dir Kraft und gratuliere zu der mutigen Entscheidung!

    sei ganz lieb gegrüßt
    anja

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