Dienstag, 11. November 2014

Erstens kommt es anders, zweitens ...

Hoffen, träumen, versuchen, scheitern, neu versuchen.

Ich habe soooo viele Bewerbungen geschrieben.
Stellen für Musiker sind dünn gesät. Künstlerisch wie pädagogisch.
Entweder wurde ich nicht eingeladen oder erfuhr, dass die Stelle zwar ausgeschrieben, aber intern längst vergeben war. 
Das geht schon ziemlich viele Jahre so. 

Weil das so ist, habe ich ja lange überlegt, wie es nun weitergeht.
Die Sache mit dem Glück - ihr erinnert Euch?

Plan B. Eigentlich ist alles klar. Das läuft.

Beworben auf ausgeschriebene Stellen meiner Branche habe ich mich dennoch. 
Immer wieder.  
Hier konntet ihr lesen von der Vorbereitung zum Auswahlverfahren. 
In der Nähe. Befristet. Nun ja. 

Ich wunderte mich über den wahnsinnigen Aufwand, der zu betreiben war, für diese 2 Semester, aber ich biss mich durch und fragte nicht nach.
Fatalerweise las ich im zugemailten Ablaufplan die Namen der anderen Bewerber und mein Selbstwert-Teufel machte den entscheidenden Fehler: die Konkurrenz googlen! 
Ich war unendlich deprimiert, sah mich lächerlich und scheiternd als kleines Licht neben diesen Fachgrößen.

Schließlich wurde ich krank. Mit Fieber. (Ich fiebere nie!) Angesteckt im Kindergarten
Ich sagte ab, räumte die Bücher zurück ins Regal. Wütend und traurig. Sehr sehr traurig.

Tags darauf kam eine Email vom Professor. Eine hochgeachtete Koryphäe seines Fachgebietes. Er bedauert meine Absage zutiefst und räumte einen Nachholtermin ein, wenn ich wieder genesen bin. 
Wenn. Ich. Wieder. Genesen. Bin?? 

Ich wurde zittrig und konnte nur noch beten.

"Gott, mir wird gerade klar, dass Du echt willst, dass ich dort hinfahre. Ich soll das also machen, ja? Hey, ich bin aber krank. Und unsicher. Und deprimiert.  Wenn ich das machen soll, musst Du mich jetzt gesund machen. Und Du musst mir helfen. Ich kann überhaupt nicht mehr klar denken. Ich bin durcheinander. Ich hab Angst. Scheitern will ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich gut genug bin. Ich schaff das nicht alleine!" 



Die Stunden, die ich eine Woche lang vor dem Rechner verbracht habe, habe ich nicht gezählt, aber es waren VIELE.

Sehr sehr aufgeregt fuhr ich am Mittwoch mit dem Zug in die Stadt, in der ich zuvor noch nie war. Gut 1 Stunde Fahrt mit Umsteigen. 
20 Minuten durch die Fußgängerzone und über den Uni-Campus. Ich nahm einen Zug eher und war viel zu früh da. 

Zwei Stunden lang wurde ich auf Herz und Nieren geprüft, sang vor, unterrichtete Studenten vor ihren eigenen Lehrern und Kommilitonen, hielt zwei kurze Seminare, überstand am Ende das Gespräch mit der Kommission.

Direkt danach telefonierte ich mit meiner besten Freundin, später am Bahnhof mit meiner Schwester und fuhr mit dem Gedanken nach Hause: "Es war nicht schlecht, aber richtig gut fühle ich mich nicht. Luftleer irgendwie."

Dieses Teufelchen in meinem Kopf machte mich kirre. 

Am gleichen Abend schrieb mir der Prof: "Die Kommission hat entschieden, Ihnen den Lehrauftrag [...] anzubieten. Ich [...] würde mich sehr freuen, wenn Sie den Lehrauftrag annehmen."

Bäääm!!!

Und wieder schrie mein Selbstwert-Teufel: "Wie schlecht müssen denn die anderen gewesen sein, wenn DU genommen wurdest?!"

Kein. Einziger. Positiver. Gedanke. 

Wie kann das denn sein? Da schien ich etwas richtig und gut gemacht zu haben und ich kann mich nicht freuen?! Was ist denn los? 
Ich krieg das nicht zusammen. Ich habe andere überzeugt, aber ich bin nicht überzeugt von mir. Was passt denn da schon wieder nicht? Woher kommt dieses Gefühl der Unzulänglichkeit?

Diese Gedanken kamen aus dem Nichts und warfen mich ziemlich aus der Bahn.
Der GDL-Streik, ausgefallene Züge, mit dem geliehenen Auto nach Berlin, mit den Rüben zurück, am Wochenende die neue Schule ansehen - wir hatten ein straffes Programm und ich kam nicht zum Zurechtrücken dieser emotionalen Schieflage.

Ich formulierte im Kopf meine Absage. Das Teufelchen triumphierte. 
Während ich am Sonntagnachmittag meine Fachbücher ins Regal räumte, fiel mir ein ausgedrucktes Blatt als Lesezeichen in einem Buch auf.

An diesem Gedicht blieb ich hängen. Ich las es unzählige Male und es öffnete mir die Augen. 

Mit der Zeit lernst Du,
dass eine Hand halten nicht dasselbe ist
wie eine Seele fesseln
und dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.

Du lernst allmählich, dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen
und Du beginnst, Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.

Und Du lernst, all Deine Straßen auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist.

Mit der Zeit erkennst Du,
dass sogar Sonnenschein brennt,
wenn Du zuviel davon abbekommst.

Also bestell Deinen Garten
und schmücke selbst
Dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten,
dass andere Dir Kränze flechten.

Und bedenke,
dass Du wirklich standhalten kannst ...
und wirklich stark bist.
Und dass Du Deinen eigenen Wert hast.
                                                                                Kelly Priest

Ich begriff!

Noch am Sonntagabend habe ich dem Prof zugesagt. 
Und es stellte sich heraus, dass die Stelle gar nicht befristet ist...
Und dass er persönlich sehr gut fand, was ich ausgearbeitet hatte.

Es gibt Dinge, die kann man nicht planen.
Hoffen, träumen, versuchen, scheitern, neu versuchen. 
Und wenn man einen "Draht nach oben hat", darf man den ruhig auch benutzen. 

Und man darf mutlos sein. Klar darf man.
Aber man darf auch seinen Garten bestellen und seine Seele mit Blumen schmücken.

Ich habe meinen eigenen Wert und kann standhalten. 
Diesen Trübtassengedanken, der Konkurrenz, den Erwartungen und mir selbst.

Ich freue mich über den neuen Job. 
Ich bin stolz auf mich.
Danke Gott! Ohne Dich hätte ich das nicht gepackt!

Kommentare:

  1. oh, oh oooooh! danke dir und viel, viel erfolg!

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  2. Moin Sandra
    Ich FREU mich so für dich.
    LG von Annette

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  3. Hatte keinen Zweifel, dass Du das packst... ;-) *stolzWieBolleAufDieGroßeSchwester*

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  4. Bin gerade durch Zufall hier rein gestolpert... dein Text hat mich sehr berührt. Manchmal erscheint einem die Welt leider nur grau, aber dann kommt irgendwo doch ein buntes Blümchen aus der Erde. ;-)
    Alles Gute!

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  5. die Zweifel kann ich nachvollziehen... als Musikerin muss man sein Innerstes nach Außen kehren, sonst kann man nicht berühren - dadurch wird man aber auch verletzlich und manchmal auch unsicher. Eine Bewerbungssituation ist immer eine Außnahmesituation, aber dass Du den Job hast, heißt einfach "Du bist die Beste für diesen Job!" Herzlichen Glückwunsch! LG von Martina

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    1. Danke, Martina. So ist es. Ganz genau. Inzwischen kann ich es annehmen und bin voller Vorfreude! <3

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  6. wie schön! *mitfreu*
    Ich wünsch Dir einen tollen Start und viel Spaß im neuen Job!

    sei lieb gegrüßt
    anja

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  7. Wow! Herzlichen Glueckwunsch!
    GLG Shippy

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  8. Liebe Sandra, das freut mich sehr für dich!!!
    LG, Claudia (aus München)

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